Gavin Francis: Inseln. Kartierung einer Sehnsucht

Gavin Francis Inseln

Gavin Francis ist Arzt und Autor, und das eist bereits auf eine Art Dualität in seinem Leben hin. Eine weitere Dualität ist seine Zerrissenheit zwischen einem Leben auf dem Festland, in einer Großstadt, und dem Leben auf einer Insel. In seinem neusten Buch versucht er die Anziehungskraft, die Inseln auf ihn ausüben zu verstehen und aufzuarbeiten. Der deutsche Titel des Buches spricht von einer „Sehnsucht“, doch der Wahrheit kommt der Originaltitel im Englischen näher, denn es geht hier um Obsession, um Besessenheit.

Thoreau versuchte, Frieden zu schließen zwischen der Anziehungskraft der Wälder und der Anziehungskraft, die die intellektuellen, sozialen und physischen Freuden der Gesellschaft auf ihn ausübten. Das kommt mir wie eine angemessene Zusammenfassung dessen vor, was ich hier versuche: eine aufrichtige Kartografie meiner eigenen Leidenschaft für die verschwisterten, aber gegensätzlichen Reize von Insel und Stadt, Isolation und Verbundenheit.

Seite 55

Die Anfänge dieser Besessenheit lassen sich in die Kindheit des Autors zurückführen. Er war fasziniert von Karten, folgte mit seinen Fingern am liebsten den Umrissen von Inseln. Dazu kamen die Familienferien, bei denen er nachts das blinkende Licht eines nahen Leuchtturms auf der Isle of May beobachten konnte. Ein Licht, eine Insel so nah, und doch unerreichbar. Heute ist die Isle of May eine von vielen Inseln, auf denen Gavin Francis längere Zeit verbracht hat – mehr noch, er arbeitete einen Monat lang als Leuchtturmwärter da.

Unterschiedlicher könnten die zwei eingangs erwähnten Leben nicht sein. Als Arzt ist Francis ständig von vielen Menschen umgeben und die Arbeit erfüllt ihn, er tut Gutes, er hilft anderen. Doch seine Tätigkeit und das Leben in der Stadt bringen viel Stress mit sich. Seine Freizeit verbringt er immer wieder auf Inseln, in Abgeschiedenheit, besucht Klöster in Athos, wandert auf entlegenen kleinen Inseln im hohen Norden. Nahelegend ist es, die beiden Leidenschaften miteinander zu verbinden, so arbeitet er 15 Monate als Arzt in der Antarktis und auch mit seiner Familie haben sie sich im Inselleben ausprobiert.

Was treibt ihn an? Was lässt ihn nicht zu Ruhe kommen? In diesem sehr persönlichen Buch versucht er diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Was bedeuten Inseln für uns? Isolation, Einsamkeit, Frieden, aber auch Gefangenschaft, Abgeschiedenheit, Schutz, aber auch Ausgesetztheit den Kräften der Natur. Und manchmal verbergen sie Schätze, vergrabene oder natürliche. So persönlich dieses Buch auch ist, Francis ist mit seiner Faszination für Inseln wahrlich nicht alleine (neben meiner regelmäßigen Lektüre von Stevensons Schatzinsel ist dieses hier in kurzer Zeit mein drittes Buch über Inseln), und so können auch wir von seinen Überlegungen profitieren.

Dabei zieht er andere Werke heran und ergänzt seine eigenen Gedanken und Geschichten mit zahlreichen Zitaten. Es war mir eine große Freude, dabei einen Verweis auf Judith Schalanskys großartiges Buch „Atlas der abgelegenen Inseln“ zu finden. Ein Schotte, also ein Landsmann von Gavin Francis taucht besonders häufig in diesem Buch auf: Alexander Selkirk, der das Vorbild für Robinson Crusoe war. Mit seinem abenteuerlichen Leben fasziniert er – wie sein literarisches Pendant – bis heute viele, doch einen besonderer Reiz für Francis ist sicherlich seine schottische Abstammung.

Mir fällt auf, dass ich, seit ich erwachsen bin, Bücher häufig als tragbare Inseln betrachte: Indem sie uns von unserer Umgebung isolieren, bieten sie uns Entlastung von aktuellen Aufgaben und Raum für Kontemplation.

Seite 90

Auch dieses Buch ist so eine tragbare Insel, und noch dazu eine sehr schöne. Es enthält zahlreiche Kartenausschnitte und das Cover lädt dazu ein, so wie einst Gavin Francis, mit unserer Finger den Umriss einer Insel abzutasten. In Zeiten von Quarantäne erfahren wir eine ungewollte Isolation von anderen, was „Inseln“ vielleicht noch lesenswerter macht, als es sonst gewesen wäre.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Per Anhalter nach Norden – so war ich auf den Shetlandinseln unterwegs, als ein Landrover neben mit stehen blieb.

Impressum:

Autor: Gavin Francis
Titel: Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht
Aus dem Englischen: Sofia Blind
Seitenzahl: 256
Verlag: Dumont
Erschienen: 2021
© Dumont Verlag

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