Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann. Ein Schriftsteller setzt sich in Szene

Rüdiger Görner / Kaltërina Latifi: Thomas Mann

Auf 272 Seiten zeigen etwa 200 Fotografien Thomas Mann. Ausgewählt wurden die Bildern aus einer Sammlung von über 6000 Fotografien, eine auch noch heute, wo jeder ständig eine Kamera bei sich trägt, beeindruckende Menge. Die Bilder werden zwar von einigen Worten begleitet, doch sprechen tun hier am lautesten die Fotos. Auf dem Großteil der Bilder ist Thomas Mann alleine, hin und wieder mit Hund oder einigen Freunden, seiner Familie. Gemeinsam ist den Bildern nicht nur ihr Subjekt, sondern auch ihr Zweck: Es ist der Person auf ihnen nicht egal, wie man ihn sieht, wie er dargestellt wird.

Was auch immer er macht, ob er isst, trinkt oder posiert, die Zigarette hält er stets in der linken Hand. Der Anzug sitzt, die Brille auch.

Seite 148

Welche Bedeutung hatte die Selbstinszenierung im Leben und Schaffen des Autors? Dieser Frage gehen Rüdiger Görner und Kaltërina Latifi in ihrem Buch nach. Stützen können sie sich dabei auf einige Aussagen Thomas Manns, die Erinnerungen anderer, Tagebucheinträge und Briefe, doch in vielen Fällen können sie nur anhand der angenommenen Pose, eines nachdenklichen Blicks, eines Lächelns darüber Rätseln, wie und warum das Foto entstanden ist. Das lädt zum Miträtseln ein und führt auf eine zu keiner Sekunde voyeuristischen Reise. Der Abgebildete will gesehen werden – ein wenig, wobei das Lebenswerk den Vergleich eigentlich gar nicht zulässt, wie ein heutiger Instagram-Star. Wir sehen einen stets elegant gekleideten Mann, der nur auf wenigen Fotos eine privatere, lockerere Seite zeigt – am Strand oder inmitten von roten Rosen.

Zur Rolle des öffentlichen Thomas Mann gehörte der große Auftritt, den es selbstdiszipliniert auch dann noch zu bestehen galt, als ihm der Selbstmord seines Sohnes Klaus gemeldet wurde. Das hatte zur Folge, dass selbst Privataufnahmen einen öffentlichen Charakter gewannen.

Seite 27

Gerade diese letzteren, stückweise eingestreuten Schnappschüsse machen das Gesamtbild, den Gesamteindruck von Thomas Mann wenn vielleicht auch nicht perfekt, aber interessant. Alles andere wirkt einstudiert, steif, distanziert. So, wie man sich einen Dichterfürsten vorstellt. So, wie dieser gesehen werden will. Menschlich wird er durch die nicht eingestellten Bilder, die nicht immer gut gelungen sind, die ihn beim Essen oder Reden zeigen und wo er deshalb seine Gesichtszüge nicht kontrollieren kann. Mythos und Wirklichkeit treffen hier aneinander, und deshalb blättert man immer weiter, deshalb möchte man auch das nächste Bild sehen. Wer kommt jetzt? Der ernsthafte, verschlossen wirkende Autor oder der lachende Familienvater? Das erweckt irgendwann auch eine Sehnsucht nach privateren Fotos, doch in diesem Buch geht es in erster Linie darum, wie stark die Selbstinszenierung das Leben Thomas Manns begleitet hat, von jungen Jahren bis zu seinem letzten Tag.

Wie liest man so ein Buch? Man kann sich natürlich nur auf die Bilder konzentrieren, doch die Texte sind es, die sie im Lebenslauf des Autors platzieren. Welches Buch hat er gerade veröffentlicht, woran schrieb er? Wo hält er gerade eine Rede? Die Jahre in den USA und dann die späten Jahre in Deutschland zeigen die ersten Risse in dieser sonst sorgsam aufrechterhaltenen Fassade. Eine spannende Entwicklung ist hier zu beobachten, wenn man sich für die einzelnen Fotos Zeit nimmt, was ich empfehlen würde. Es ist aber auch ein Buch, das man immer wieder aufblättern kann, wenn man gerade eines von Manns Büchern oder seine Tagebücher liest, um das Bild im wahrsten Sinne des Wortes zu vervollständigen.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den wbg Theiss Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Zeit seines Lebens nahm Thomas Mann sich beim Wort und verstand gleichzeitig, sich ins Bild zu setzen.

Impressum:

Autor: Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi
Titel: Thomas Mann. Ein Schriftsteller setzt sich in Szene
Seitenzahl: 272
Verlag: wbg Theiss
Erschienen: 2021
© wbg Theiss Verlag

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.