Hermann Kurzke: Literatur lesen wie ein Kenner

Hermann Kurzke Literatur lesen wie ein Kenner

Der Titel spricht für sich: In seinem Buch zeigt Hermann Kurzke, wie man literarische Werke lesen und verstehen kann. Dabei entwirft er so nebenbei auch eine kleine Literaturgeschichte. Von der Lyrik, über Dramen geh es zu Romanen. Ausgangspunkt, der „innerste Ring“ ist dabei immer ein Werk von Kleist. Dann geht es weiter zum „mittleren Ring“, das heißt zu weiteren Werken aus der deutschen Literatur. Der „äußere Ring“ bringt dann internationale Beispiele. Dabei werden mittlere Ring und äußere Ring vermischt, um einer chronologischen Ordnung zu folgen. Eine einfache, aber sehr effektive Struktur.

Dieses Buch war wie eine Zeitreise für mich. Und wenn ich jetzt sage, dass ich mich wieder wie in die Schulbank gesetzt gefühlt habe, dann ist das keineswegs negativ gemeint. Aber ich habe nun mal seit meiner Studienzeit nicht mehr über Jamben nachgedacht und Lyrik lese ich sehr selten, wenn überhaupt. Ähnlich ergeht es mir mit Dramen. Es war interessant, wieder in diese Welt einzutauchen und über mögliche Interpretationen nachzudenken. Als es dann aber um Romane ging, habe ich glaube ich hörbar aufgeatmet, der Boden war hier doch sicherer unter meinen Füßen. Wobei ich hinzufügen muss, dass Kurzke mit seinem Humor und seinen einleuchtenden Beispielen auch die Lyrik nähergebracht hat.

Wir würden eine kurze Silbe zwar nicht auf eine lange, „voll“ nicht auf „hohl“ reimen, aber dass „Abendstille“ ebenso lang-kurz-lang-kurz ist wie „Hundescheiße“, dass also beide Wörter sich irgendwie „reimen“, weil sie aus zwei Trochäen bestehen, das würde uns nicht auf Anhieb auffallen und würde in unserem Hörerlebnis keine Verwandtschaft zwischen beiden Wörtern stiften.

Seite 56

Über 70 Werke werden in diesem Buch in mal kürzeren, mal längeren Abschnitten vorgestellt. Darunter viele Klassiker, die wohl alle gelesen haben (oder zumindest eine große Mehrheit gelesen hat), aber auch Werke, die man vom Titel kennt, aber nie gelesen hat (aber schon immer lesen wollte). Dadurch macht Kurzkes Buch auch Lust dazu, zu Büchern zu greifen, die man vor vielen Jahren gelesen hat oder die man immer vor sich herschiebt. Um aus dieser großen Menge ein paar Namen hervorzuheben, treffen wir hier auf Goethe, Thomas Mann, Shakespeare, Joyce, Brecht, Dickens und sogar auf Karl May – und Joseph Goebbels.

Literarische Werke sind natürlich offen für die eigene Interpretation, doch es gibt Wegweiser, die den Zugang zu diesen Werken erleichtern. Genau diese zeigt Hermann Kurzke auf. Was verrät uns die gewählte Form? Wie ist der historische Hintergrund? Wo lässt sich das Werk im Lebenswerk und in der Biografie des Autors platzieren? Diese Fragen sind natürlich nicht nur dann hilfreich, wenn wir eines der im Buch als Beispiel aufgeführten Werke lesen und verstehen wollen, man kann sie immer wieder anwenden, wenn wir den Zugang zu einer Lektüre suchen.

Mir hat dieses Buch viel Freude bereitet, es liest sich sehr leicht, ich hatte oft das Gefühl, als würde mir Hermann Kurzke gegenübersitzen und mit viel Leidenschaft erzählen. Ich werde auch in Zukunft oft darin blättern und es gerne mal zu Rate ziehen.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Im Kapitel Anspann werden die Pferde angeschirrt und die Wagen flott gemacht.

Impressum:

Autor: Hermann Kurzke
Titel: Literatur lesen wie ein Kenner
Seitenzahl: 394
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2021
© Verlag C.H. Beck oHG

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