Silvia Ferrara: Die große Erfindung

Die große Erfindung, um die es in diesem Buch geht, ist die Schrift. Und diese wurde in unserer Geschichte mindestens viermal erfunden:  in Ägypten, Mesopotamien, China und Mexiko. Wie entsteht eine Schrift, wie erfindet man sie? Und wie entziffert man eine Schrift, die heute niemand mehr kennt? Diesen Fragen geht in ihrem Buch Silvia Ferrara nach, die Professorin für Ägäische Kulturen an der Universität Bologna ist. Sie ist zudem Projektleiterin von INCRIBE, eines Projekts, die nichts anderes zur Aufgabe hat, als sich mit der Erfindung der Schrift zu befassen. Im Rahmen dieses Projekts untersucht sie auch Schriften, die bis heute nicht entziffert sind und es vielleicht nie sein werden. Dabei werden 3D Modelle der beschrifteten Gegenstände erstellt, sodass man sie einerseits besser untersuchen kann, als jemals zuvor, andererseits kann man sie so auch anderen besser zur Verfügung stellen. Ein spannendes Projekt, ich kann den Besuch der verlinkten Webseite jedem nur empfehlen.

Das ist ein unglaublich spannendes Thema, denn so selbstverständlich es für uns heute ist, Schrift zu nutzen, es hat lange gedauert, bis sie in unterschiedlichen Kulturen erfunden wurde. Denn, wie die Autorin es beleuchtet, alleine die Tatsache, dass Menschen in größeren Städten zusammen leben, die Existenz einer Schrift noch nicht unabdingbar macht. Es hat immer wieder unterschiedliche Gründe dafür gegeben, wie dann eine Schrift erfunden wurde, und auch die Wege waren teilweise recht unterschiedlich. So kann die chinesische Schrift kaum mit der Schrift der Maya oder den Hieroglyphen der Ägypter verglichen werden. Es ist auch interessant zu sehen, wie sich die unterschiedlichen Schriften entwickelt haben, welche Phasen sie durchlaufen sind. Und es zerbricht einem das Herz zu wissen, dass die Schrift der Maya sich sicherlich noch weiterentwickelt hätte, hätte man die Kultur nicht mit aller macht ausgelöscht.

Silvia Ferrara erzählt so lebendig, dass ich das Gefühl hatte, als würde sie zu mir sprechen, und aus einer Ahnung heraus habe ich nach hinten, zum Nachwort geblättert, um zu erfahren, dass sie dieses Buch über die Schrift tatsächlich nicht geschrieben, sondern gesprochen hat. Eine besondere, aber in diesem Fall wirklich gute Idee, die das Lesen zum Vergnügen macht – zumindest nach einer Weile. Am Anfang fand ich die Erzählweise etwas konfus, es hat gedauert, bis ich mich im Buch zurechtgefunden habe.

Besonders interessant fand ich den Teil darüber, wie man in der Praxis Schriften entziffert. Eine Aufgabe, die heute noch wichtig ist, denn es gibt immer noch Schriften, die wir nicht verstehen können. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mal mit geheimen Schriften befasst hat (mir hat das in meiner Jugend viel Spaß gemacht), wird das glaube ich interessant und vergnüglich finden. Aber auch die heute gerade von jüngeren Generationen massiv benutzten Emojis kommen zum Zug, und obwohl ich sie relativ zurückhalten nutze, fand ich die Idee, Wortspiele mit Emojis zu machen, sehr unterhaltsam.

Es ist eine kurzweilige Reise in die Welt der Schrift, die ich hier gerne empfehle. Das Buch macht definitiv Lust auf mehr.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Ich bin in der fünften Klasse, und meine Lehrerin beschreibt die Tafel mit seltsamen Zeichen, die ich noch nie gesehen habe.

Impressum:

Autor: Silvia Ferrara
Titel: Die große Erfindung. Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Schriften
Aus dem Italienischen: Enrico Heinemann
Seitenzahl: 251
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2021
© Verlag C.H. Beck oHG

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