Anthony Doerr: Wolkenkuckucksland

„Tag für Tag, Jahr um Jahr, lässt die Zeit alte Bücher aus der Welt verschwinden.“

Ein Buch über Bücher und Bibliotheken, das ist Anthony Doerrs neuer Roman, will man ihn in einem kurzen Satz zusammenfassen. Doch so einfach das klingt, so kompliziert wirkt die Struktur von Wolkenkuckucksland, wenn man mehr in Detail geht. Erzählt wird die Geschichte von fünf Kindern: Anna und Omeir, Zeno und Seymour, sowie Konstance. Die Figuren sind zeitlich und räumlich weit voneinander getrennt. Anna und Omeir bringen uns ins Konstantinopel des 15. Jahrhunderts zurück, Zeno und Seymour stehen für das 20.-21. Jahrhundert und leben in Lakeport, einer Kleinstadt in Ohio. Und dann haben wir noch Konstance in der fernen Zukunft, die auf einem Raumschiff zu einer neuen Heimat unterwegs ist.

Anthony Doerr hat sieben Jahre für das Schreiben dieses Buches gebraucht, was bei dieser Komplexität von mehreren Hauptfiguren, Zeit und Raum nicht verwundert. Bei der Deutschlandpremiere seines Romans hat er eine der Zeichnungen in die Kamera gezeigt, die er für sich angefertigt hat – sehr beeindruckend. (Mein Screenshot weniger, aber vielleicht erkennt man da was.)

Obwohl mir diese Komplexität etwas Sorge bereitet hat, war ich nach nur wenigen Seiten im Buch versunken. Den Wechsel zwischen den einzelnen Elementen empfand ich immer als gerade richtig und passend, und konnte auch bis zum Ende nicht entscheiden, auf welcher Zeitebene ich am liebsten länger verweilen möchte. So schwer mir die Trennung von der aktuellen Ebene fiel, so sehr freute ich mich darauf, in die nächste wieder einzusteigen.

Das Buch ist in 24 Kapitel gegliedert, die jeweils für einen griechischen Buchstaben stehen, die wiederum jeweils für eine Seite aus einem verlorenen alten Buch stehen… Denn ja, es gibt noch eine Ebene, die alle anderen miteinander verbindet.

Ein Buch, das die ganze Welt enthält, und die Geheimnisse jenseits von ihr.

Seite 210

Dieses Buch heißt Wolkenkuckucksland und wurde von Antonios Diogenes wahrscheinlich im 1. Jahrhundert verfasst (und obwohl es den Autor natürlich tatsächlich gegeben hat, ist dieser Roman frei erfunden). Es ist die Geschichte eines einfältigen Hirten, der eine Aufführung missversteht und an der Existenz einer wunderbaren Welt in den Wolken glaubt und alles tut, um in einen Vogel verwandelt zu werden und da hinzufliegen. Das Buch wurde kopiert und ist dann verschollen, um sehr stark beschädigt und kaum lesbar im 15. Jahrhundert wieder aufzutauchen. Es ist dieses Buch, und generell die Liebe zum Lesen, zu Büchern, worum sich Anthony Doerrs Roman dreht. Das Buch, sein Überleben, wird am Ende wichtiger, als alles andere. Es ist auch eine Geschichte unserer Beziehung zur Natur, die man heute eigentlich nur noch kritisch betrachten kann, was hier auch der Autor tut.

Es ist ein faszinierender, bezaubernder Roman, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass er die Leserschaft spaltet, weil er mit über 500 Seiten ein ziemlicher Brocken ist und manche, die eher lineare Geschichten mögen, abschrecken oder verwirren wird. Für mich ist Wolkenkuckucksland aber ein großes Highlight dieses Jahr.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Ein vierzehnjähriges Mädchen sitzt im Schneidersitz auf dem Boden eines kreisrunden Gewölbes.

Impressum:

Autor: Anthony Doerr
Titel: Wolkenkuckucksland
Aus dem Englischen: Werner Löcher-Lawrence
Seitenzahl: 532
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2021
© Verlag C.H. Beck oHG

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