Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Bei der Bewertung dieses Romans bin ich etwas unschlüssig. Vieles fand ich darin richtig gut, als ich es aber beendet habe, war ich nicht so begeistert, wie ich es eigentlich gehofft habe. Ich habe das Buch jetzt ein wenig ruhen lassen, damit ich meine Gedanken dazu ordnen kann, aber ich bin nicht viel weiter gekommen. Schon während des Lesens hatte ich immer wieder Zweifel und diese sind nicht verschwunden.

Die Hauptfigur des Romans ist Veit Kolbe. Wir schreiben das Jahr 1944, Veit hat mit seinen 23 Jahren praktisch seine Jugend an der Front verbracht, als er nach einer Verletzung endlich eine Pause vom Krieg bekommt. Er fährt zunächst nach Wien, zu seiner Familie, fühlt sich dort aber unverstanden. Schließlich hilft ihm sein Onkel am Mondsee eine Unterkunft zu finden. Hier lernt er mehrere Leute kennen, eine junge Mutter mit ihrer Tochter, einen Gärtner, der sich nach Brasilien sehnt, eine Lehrerin, die eine Gruppe von Schülerinnen betreut und führt nach langer Zeit ein Leben, in dem er nicht jeden Moment vom Tod bedroht wird.

Die Grundlage für den Roman bildeten Briefe, die Arno Geiger auf einem Flohmarkt erworben hat. Das erklärt, warum der Erzählstrang (die Tagebucheinträge von Veit) immer wieder von Briefen unterbrochen wird. Allerdings steht das im Buch nirgendwo, ich weiß es aus einem Gespräch mit Geiger, das ich im Fernsehen gesehen habe. Wenn jemand dieses Vorwissen nicht hat, dem fällt es wohl schwer, nachzuvollziehen, warum in einzelnen Briefen kurze Passagen als Zitate erscheinen. Ich vermute auch nur, dass diese Texte wortwörtliche Zitate aus diesen Briefen sind, sicher bin ich mir aber nicht und im Buch steht nichts darüber.

Mit diesen Briefen wären wir auch bei meinem größten Problem mit diesem Buch. Diese Briefe sollen wohl andere Blickwinkel aus dieser Zeit darbieten und es existiert auch eine (wenn auch schwache und teilweise sehr forcierte) Verbindung zwischen den schreibenden Personen und Veit, trotzdem glaube ich, dass weniger an diesem Punkt mehr gewesen wäre. Die Geschichte des jungen Soldaten, der im verlorenen Krieg nicht mehr weiterkämpfen, sondern sein eigenes Leben endlich anfangen will, wäre für mich interessant genug gewesen. Es ist ein ungewohnter Blickwinkel auf diese Zeit, ich hätte mir gerne etwas mehr davon gewünscht. Geiger will aber noch weitere Schicksale in die Geschichte einbinden und das Gesamtbild wird leider nicht stimmig. Wir haben Veit und seine Suche nach Frieden, wir haben die tragische Gescgichte der jungen Verliebte, die Berichte aus dem niedergebombten Darmstadt und die jüdische Familie auf der Flucht. Die Geschichten sind zwar alle interessant, aber es erscheint unrealistisch, dass Veit über all das informiert sein soll, und wenn er es nicht ist, stellt sich die Frage, warum wir dann die Briefe zum Lesen bekommen. Ich habe mich beim Lesen immer wieder darüber geärgert, dass nun wieder eine neue Person erscheint und ich zunächst Minuten damit verbringen muss, überhaupt herauszufinden, wer jetzt schreibt (die Briefe haben keine Einleitung und sind nicht signiert). Diese Form kann auch gut funktionieren, ich fand das hier eher unglücklich.

Der Roman hat mir viel gegeben, teilweise fand ich ihn hervorragend, und ich bin froh ihn gelesen zu haben. Dies soll hier niemanden davor abschrecken, das Buch zu lesen, vor allem, weil andere Leser davon sehr begeistert waren. Ein Highlight würde ich es aber nicht nennen, zumindest war es für mich keins.


Diverses

Der erste Satz:

Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, dass ich lebte.

Weitere Meinungen zum Buch:

LiteraturReich

literaturleuchtet

buchrevier (über das Hörbuch)

leseschatz

Die letzten kritischen Leser

letusreadsomebooks

Petras Bücherapotheke

Impressum:

Autor: Arno Geiger
Titel: Unter der Dachenwand
Seitenzahl: 480
Verlag: Hanser
Erschienen: 2018
© Carl Hanser Verlag München 2018

2 Kommentare zu „Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.