Gerald Durrell: Meine Familie und andere Tiere

Diesen Roman habeich als Kind schon gelesen und verbinde schöne Erinnerungen damit. Deshalb hat es mich gefreut zu sehen, dass es nun eine neue Ausgabe gibt (in neuer Übersetzung), und das Buch somit wieder neue Leser finden kann. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt, ob die Geschichte gut gealtert ist, ob sie auch heute noch funktioniert.

Gerald Durrell erzählt in diesem Roman über die fünf Jahre, die er als Kind mit seiner Familie auf Korfu verbracht hat. Die Familie – zwei ältere Brüder, eine ältere Schwester und ihre Mutter – zog 1935 aus England nach Korfu, um dem unangenehmeren Klima Englands zu entfliehen. Gerald war zu der Zeit erst zehn Jahre alt, und da seine Geschwister alle deutlich älter waren als er, verbrachte er sehr viel Zeit allein. Obwohl er eigentlich nie ganz allein war: er war so sehr von der Tierwelt fasziniert, dass er ständig draußen in der Natur unterwegs war und von seinen Ausflügen immer mit neuen Tieren zurückkehrte. Die vielen Tiere und die exzentrischen Geschwister sorgten für eine ganz besondere Kindheit.

In den vergangenen achtzig Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Heute darüber zulesen, wie ein zehnjähriges Kind den ganzen Tag allein umherzieht, sich mit Fremden anfreundet und ihm dabei nie was Schlimmes passiert, klingt utopisch. Und nicht nur weil die Welt so viel gefährlicher geworden ist, auch weil heutige Kinder so viel Zeit vor den unterschiedlichsten Bildschirmen verbringen, dass die wenigsten von ihnen noch ganze Tage draußen verbringen und stundenlang Tiere beobachten. Mir war so eine Kindheit noch gegönnt, und ich wünsche auch den heutigen Kindern, dass sie Erlebnisse sammeln, die ihnen nur die Natur geben kann.

Für Gerald Durrell war diese Kindheit prägend. Die Jahre, die er als Kind mit der Beobachtung von Tieren verbracht hat, haben dazu geführt, dass er Zoologe geworden ist (was er allerdings nie studiert hat, er hat sein Wissen in der Praxis angeeignet, er erhielt jedoch mehrere Ehrendoktortitel). Er arbeitete lange Zeit als Tierfänger und sammelte exotische Tiere für britische Zoos, in seinem späteren Leben gründete er sogar einen eigenen Zoo. Mit seiner Tätigkeit bewahrte er mehrere Tierarten vor dem Aussterben. Heute haben wir zwar eine kritische Auffassung von Zoos, Durrells Absichten waren jedoch nie fragwürdig, er hat sehr viel für den Tierschutz getan.

Das ist aber trotzdem ein Gesichtspunkt, den man heute schwer außer Acht lassen kann, wenn man über diesen Roman spricht. Was vor einigen Jahrzehnten noch die Normalität war, hat heute eine negative Konnotation. So haben mir die Szenen, in denen Geralds Bruder Leslie jagen geht, immer wieder Unbehagen verursacht. Und auch der Wunsch des jungen Gerry, alle Tiere einzufangen und in Gefangenschaft zubeobachten, hat mich mit ebendiesem Unbehagen erfüllt. Das Buch ist in dieser Hinsicht also leider nicht gut gealtert.

Trotzdem ist es noch immer eine sehr charmante Geschichte über eine besondere Familie, in der alle ein bisschen verrückt sind. Und Durrells Beschreibungen der Tiere, die er auf der Insel findet, sind einfach faszinierend, da möchte man am liebsten wieder jung sein und losziehen und die Welt neu entdecken. So wie er in seinem Leben aussterbende Tierarten gerettet hat, so hat er mit diesem Roman eine inzwischen verschwundene Welt für die Zukunft konserviert. Erwachsene bringt dieses Buch auf eine Zeitreise, in Jugendlichen erweckt es hoffentlich den Wunsch, die Wohnung zu verlassen und sich vom Handy loszulösen. Was kann man sich mehr wünschen?


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Piper Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.

Der erste Satz:

Der Juli war wie eine Kerze von einem beißenden Wind ausgeblasen worden, der einen bleiernen Augusthimmel mit sich brachte.

Impressum:

Autor: Gerald Durrell
Titel: Meine Familie und andere Tiere
Übersetzung aus dem Englischen: Andree Hesse
Seitenzahl: 399
Verlag: Piper
Erschienen: 2018
© Piper Verlag GmbH

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