Bernhard Wessling: Der Ruf der Kraniche

Bernhard Weßling Der Ruf der Kraniche

Bernhard Weßling ist promovierter Chemiker, der seit vielen Jahren sein eigenes Unternehmen leitet und erfolgreich in seinem gewählten Beruf ist. Als Ausgleich für seine Arbeit in der Chemieindustrie hat er für sich die Natur entdeckt. Er ging alleine und später dann mit seiner Familie, seinen Söhnen auf lange Spaziergänge. Dabei hat er versucht, so viel wie möglich über die ihn umgebende Natur zu erfahren, um seinen Söhnen mehr über Flora und Fauna erzählen zu können als „das ist ein Vogel, das ist ein großer Baum“. Nach einiger Zeit erwachte sein Interesse für Kraniche, eine Vogelart, die es sehr gut versteht, sich vor Menschen zu verstecken. Als Kranichbeobachter im Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook musste Weßling zwar früh aufstehen, um noch vor seiner eigentlichen Arbeit seine Beobachtungen zu machen, aber bald wusste er genug über Kraniche, um festzustellen, dass wir eigentlich gar nicht so viel über Kraniche wissen. Wir haben einige Mythen, wie zum Beispiel dass Kranichpaare sich ein Leben lang treu sind, gleichzeitig wird es aber auch als Fakt behandelt, dass man einen Kranich von einem anderen nicht unterscheiden kann. Wie können wir dann wissen, ob das Paar, das wir letztes Jahr gesehen haben, auch in diesem Jahr aus den selben beiden Vögeln besteht? Als Wissenschaftler ist Weßling es gewohnt, nicht untätig zuzuschauen und darauf zu warten, dass jemand seine Fragen beantwortet. Also machte er sich daran, seine Fragen – mangels befriedigender Antworten aus Fachkreisen – selbst zu beantworten.

Im ersten Teil des Buches beschreibt der Autor, wie er überhaupt darauf gekommen ist, Kraniche zu beobachten. Er erzählt sehr anschaulich und oft recht spannend über seine Erlebnisse im Brook. Hier wird er immer wieder auch damit konfrontiert, wie unbedacht Menschen mit der Natur umgehen. Manche beachten ganz einfach die Regeln nicht und betreten Gebiete, die sie nicht betreten dürften, und auch wenn sie auf die Regeln hingewiesen werden, reagieren sie agressiv. Dass sie damit geschützte Tierarten stören und deren Lebensraum weiter einengen und gefährden, interessiert sie nicht. Eine andere Sorte Mensch geht nachts hin und stiehlt Kranicheier und tötet Tiere. So was ist einfach nur unbegreiflich.

Wie unterschiedlich wir Menschen doch alle sind! Aber vielleicht wecken gerade auch diese Ereignisse in Bernhard Weßling das Gefühl, Kraniche nicht nur beobachten, sondern auch mehr über sie wissen zu wollen. Wie kommunizieren die Vögel untereinander? Er beobachtet immer mehr Situationen, die auf eine sehr gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen den Kranichen hindeuten. Aber wie genau haben sie sich denn abgestimmt? Man hört leisere und lautere Töne, tragen diese eine besondere Bedeutung? Wenn ja, welche? Und was alles drücken Kraniche durch sie aus? Nur einfache Signale wie „los, wir fliegen ab“, „Achtung, Gefahr“, oder auch mehr? Und wäre es möglich, dass sie sich nicht äußerlich voneinander unterscheiden, sondern in ihren Rufen?

Der Wissenschaftler in ihm stellt nicht nur die Hypothese auf, dass Kraniche individuelle Töne ausgeben, er will sie auch beweisen. Es ist nicht einfach, Kraniche zu Gesicht zu bekommen, wie bereits am Anfang gesagt. Es ist vielleicht noch schwieriger, ihre Rufe aufzuzeichnen. Genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein, alle anderen störenden Geräusche auszuschließen, und dann auch noch alle Details zu notieren, damit man später Aufzeichnungen und Kraniche miteinander verknüpfen kann. Aber die Mühe lohnt sich…

Es ist unheimlich spannend zu lesen, auf welche Reise seine Entdeckung den Autor bringt – einen kleinen Einblick darin bekommt man in diesem Kurzfilm, der zum Buch zusammengestellt wurde:

„Der Ruf der Kraniche“ – aus einer geheimnisvollen Welt – Der Kurzfilm zum Buch von Bernhard Weßling

Die „Migrationsschule“ für die vom Aussterben bedrohten Schreikraniche in den USA ist wie aus einer fantastischen Geschichte. Wirklich unglaublich, was man hier in beispielhafter internationaler Zusammenarbeit geschafft hat. Ich will hier auch nicht vorgreifen und den hoffentlich vielen Lesern dieses Buches nicht alle Überraschungen vorwegnehmen. Im Buch geht es auch mal nach Japan und nach Korea (in die beiden Koreas!), wo wir weitere Kranicharten und ihre Rufe kennenlernen. Ein Buch, das sich zwar auf Kraniche konzentriert, letztendlich aber ein Aufruf ist, uns mehr um die Natur zu kümmern, um Tiere und Pflanzen jeglicher Art. Die Aussage ist mir persönlich auch sehr wichtig und ich kann dieses Buch deshalb nicht genug empfehlen. Ich habe mir auch vorgenommen, den kleinen Wald, den ich auch jetzt aus meinem Fenster sehe, einmal vor 6 Uhr zu besuchen, das habe ich allerdings nocht nicht geschafft. Hier gibt es zwar keine Kraniche (in Bayern gibt es leider gar keine), aber ich frage mich ständig, was ich so früh am Morgen beobachten könnte…


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Der erste Satz:

Es war ein langer Weg aus dem engen und verschmutzten Ruhrgebiet, in dem ich aufwuchs und studierte, bis in den Duvenstedter Brook bei Hamburg, wo ich erstmals Kraniche sah.

Impressum:

Autor: Bernhard Weßling
Titel: Der Ruf der Kraniche
Seitenzahl: 416
Verlag: Goldmann
Erschienen: 2020
© Wilhelm Goldmann Verlag

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